Schutzgemeinschaft Heiligenberg und Handschuhsheimer Geschichtswerkstatt e.V.

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Die Geschichte des Obst-und Gemüseanbaus in Handschuhsheim

Ludwig Haßlinger

Die tiefgründigen Lössböden am Westrand des Odenwaldes und das warme Klima bildeten die Grundlage für die Entwicklung des Obst- und Gemüseanbaus entlang der Bergstraße. Viele der uns heute bekannten Gemüse- und Obstarten haben schon die Römer ins Land gebracht.

Der stadtnahe Absatzmarkt hat früh den Anbau von Gemüse und Obst in Handschuhsheim bestimmt und gefördert. Die Heidelberger Stadtbauern konnten die Bewohner der Stadt nur zum Teil mit Nahrungsmitteln versorgen. Obst, Gemüse und Wein aus Handschuhsheim wurden von der Stadtregierung und dem kurpfälzischen Hof sehr geschätzt, wie aus einer vor 1600 erlassenen Stadtordnung zu erfahren ist. Für Produkte, die durch die Stadtpforte eingeführt werden, ist dort zu lesen: „Für in Hentschußheim gebauten Wein, Obst und Feldfrüchte wird festgesetzt, daß sie weder Portengeld (Octroi) noch Legegeld (Lagergeld) unterliegen“.

Wie aus der Verordnung zu entnehmen, belieferten die Handschuhsheimer den Heidelberger Markt nicht nur mit frischem Gemüse und Obst, sondern auch mit dem von den Heidelberger Gastwirten geschätzten Hendsemer Wein.

Die Handschuhsheimer Gemüseanbauflächen, die sogenannten Krautgärten oder Krautäcker, lagen am alten Ortsrand. Die eingezäunten Krautgärten waren „gebannte“ Gärten. Sie unterlagen nicht dem Flurzwang und durften deshalb nicht beweidet werden. Für die Bewässerung der Gärten nutzte man den Mühlbach, die „Weth“ und den Landgraben. Mit Wasser aus dem Mühlbach konnten die beiden Entwässerungsgräben auch zur Bewässerung genutzt werden. Für die Feldflur galt die Regel der Dreifelderwirtschaft, wonach die Bauern gezwungen waren, ein Drittel der Feldflur mit Sommerfrucht und ein Drittel mit Winterfrucht anzubauen. Ein Drittel wurde nicht bebaut und blieb als Brache liegen. Auf den Brachäckern hatten die Herrenschäfer das Weiderecht, sie durften diese von Martini (11. November) bis Georgi (23. April) beweiden.

Im Unterschied zu der Feldflur, die bis zum Jahr 1839 zu 4/5 aus Erbbestandsäckern bestand, waren die am Dorf liegenden Krautgärten überwiegend Eigentum der Handschuhsheimer. Natürlich hat man den eigenen Boden bevorzugt bearbeitet und gedüngt. Im ebenen Teil wurden Kraut, Zwiebeln, Lauch, Bohnen, Zuckererbsen, Möhren, Salat und andere Gemüsearten angebaut, an den Hanglagen Obst, Beerenfrüchte und Trauben. All diese Erzeugnisse fanden auf den Heidelberger Märkten guten Absatz.

Der Gemüseanbau sowie die Vermarktung von Obst und Gemüse lag in den Händen der Bauersfrauen. Der Erlös aus der Vermarktung brachte die Handschuhsheimer zu einem gewissen Wohlstand, der noch merklich verbessert wurde, als die Handschuhsheimer Bauern die von Stephan Gugenmus eingeführten Anbaumethoden übernahmen. Als Gugenmus 1769 das Handschuhsheimer Schlößchen mit den dazugehörenden Ländereien pachtete, führte er neuartige landwirtschaftliche Betriebsformen ein. Er stellte bei der Viehzucht von der Weidewirtschaft auf Stallhaltung um. Der dadurch anfallende Stallmist wurde als Dünger auf den Äckern ausgebracht.

Durch Eingaben erreichte Gugenmus, daß die für die Stallfütterung wichtigen Klee- und Krappäcker von der Beweidung ausgenommen wurden. Vor allem auf sein Wirken hin wurde der Flurzwang nach und nach gelockert. Trotz Weideverbot kam es immer wieder zu Überweidungen von Kulturen.

1792 schreibt der Historiker Friedrich Peter Wundt: „Vielleicht haben wir kein Dorf in Deutschland, wo Feldbau mit so viel Überlegung und nach den bewährten Grundsätzen, die unser großer Gugenmus zuerst verbreitet hat, getrieben wird. Die Bauern wissen fast von ihrem ganzen Feld eine reiche Ernte zu erzielen und nicht wie früher nur von einem Teil der Gemarkung, während anderst wo Gewanne brach liegen bleiben oder als kärgliches Weideland dienen mußten“.

Endgültig abgeschafft wurde der Flurzwang 1836. Nach jahrzehntelangen Streitereien kam es zwischen der Gemeinde Handschuhsheim und den Herrenschäfern zu einer Einigung. Für eine Ablösungssumme von 6491 Gulden und 24 Kreuzer verzichteten die Schäfer in der Handschuhsheimer Gemarkung auf ihr Weiderecht. Die Summe war in 10 Jahresraten abzutragen.

Nach der Abschaffung des Weiderechts und der daraus folgenden Aufhebung des Flurzwanges konnte auf der gesamten Handschuhsheimer Feldflur die von Stephan Gugenmus eingeführte Betriebsweise praktiziert werden. Die Gemüseanbaufläche wurde nach der Ablösung der Herrenschäferei und die Aufhebung des Flurzwangs wesentlich erweitert.

In der 1776 erschienenen Abhandlung „Von dem Ackerbaue des kurpfälzischen Dorfes Handschuchsheim“ beschreibt Stephan Gugenmus die Vorteile der intensiven Bodennutzung wie folgt: „Wohl nähren sich die Handschuhsheimer mühsam, aber auch reichlich und zufrieden von dem kleinen Land, worauf anderwärts gewöhnlich nicht der zehnte Teil wächst... Mit dem Frühgemüse sind sie überall die Ersten. Sie erlösen im April mit Zuckererbsen und Salat soviel wie andere Bauern auf besten Böden das ganze Jahr.
Die Bauersfrauen sind mit ihren reichen Erfahrungen imstande manche Doktoren der Ökonomie zu beschämen. In jeder Stunde der Nacht wird man in der Sommerzeit die geschäftigen Einwohner ihre Produkte zum Markt tragen oder von solchem ermüdet nach hause kehren sehen.“

Es waren die Bauersfrauen, die mit ihrem Wissen zur erfolgreichen Entwicklung des Handschuhsheimer Gemüseanbaus beigetragen haben, wie aus dem Bericht von Stephan Gugenmus zu entnehmen ist.

1840 berichtet Pfarrer Eduard Johann Joseph Mühling, daß die Handschuhsheimer neben der täglichen Vermarktung in Heidelberg zweimal wöchentlich mit Obst und Gemüse hochbeladene Fuhrwerke auf den Wochenmarkt nach Mannheim führen.

Die neue erfolgreiche Betriebsweise der Handschuhsheimer Bauern wurde mustergültig für das ganze Umland. In der „Allgemeinen Encyclopedie der Wissenschaften und Künste“ beschreibt Professor Leger um 1810 Handschuhsheim als „das blühendste Dorf im Großherzogtum Baden“.

Neben dem Obst- und Gemüsbau war auch der Weinbau eine wichtige Einnahmequelle. Im Jahr 1834 brachte der Verkauf von 342 Fuder Wein einen Erlös von 61560 Gulden. Eingeschleppte Pilzkrankheiten brachten den Weinbau 1870 fast zum Erliegen. Die Handschuhsheimer konnten den Ausfall besser verkraften als die überwiegend weinanbauenden Gemeinden. Durch den intensiv betriebenen Gemüsebau und Obstbau hatten sie eine sichere Einnahmequelle. Der Weinbau beschränkte sich danach nur noch auf die Erzeugung des eigenen Haustrunks. Der überwiegende Teil der Weingärten wurde mit Obstbäumen und Beerensträuchern bepflanzt.

Vor 1850 waren von 1916 Morgen angebauter Feldflur nur 710 Morgen Eigentum der Einwohner. Erst nach 1850 wurde es den Pächtern ermöglicht, ihre Erbbestandsäcker von den Grundherren als freies Eigentum zu erwerben.

Die alte Handschuhsheimer Feldflur war in Kleinparzellen aufgeteilt. Viele Äcker konnten nur durch Überfahr erreicht werden. Eine Erleichterung brachte die in den Jahren 1875-80 durchgeführte Flurbereinigung. Durch die Neueinteilung der Flur und den Bau neuer Wege wurde die Feldarbeit wesentlich erleichtert.

Bei der Eingemeindung 1903 wurden in Handschuhsheim noch 580 Hektar als Acker- und Gartenland genutzt. Durch die nach der Eingemeindung verstärkt einsetzende Bebauung gingen als erste die dorfnahen Gärten und Äcker verloren.

Das Gemüseanbaugebiet verlagerte sich immer mehr in das Mittelfeld. Die ersten Treibhäuser entstanden, die herkömmliche Bodenbearbeitung mit Zugtieren wurde nach und nach von der Maschinenkraft abgelöst.

Durch Einrichtung der Nutzwasserversorgung 1928 und 1937 konnten 50 Hektar Gartenland mit Wasser versorgt werden. Ab 1930 konnten die Erzeugnisse des Obst- und Gartenbaus in der neu erbauten genossenschaftlich organisierten Großmarkthalle vertrieben werden. Die völlige Umstellung vom Acker- und Gemüsebau zum reinen Gemüsebau fand nach dem zweiten Weltkrieg statt. Nachdem 1967 die letzte Kuh ihren Hendsemer Stall verlassen hatte, gab es in Handschuhsheim keine Bauern mehr, sondern nur nach Gemüseanbauer bzw. Gärtner.

Der alte Neckarlauf bestimmte bis 1925 die Gemarkungsgrenze im Westen. Am Neckarufer kam es durch Hochwasser immer wieder zu Abspülungen. Im Jahr 1819 klagten die Handschuhsheimer, der Neckar hätte durch „Einfraß“ 20 Morgen weggerissen und an anderen Stellen auf den Äckern mächtige Kiesmassen angeschwemmt. Erst nach dem Bau einer soliden Uferbefestigung um 1843 konnten diese immer wiederkehrenden Mißstände verbessert werden.

Der Neckarwasen gegenüber der Wieblinger Nagelfabrik Helmreich war früher der „Hendsemer Badestrand“. Bei Niedrigwasser konnte man zu Fuß über den Neckar nach Wieblingen gelangen.

Zu einem gravierenden Geländeverlust im äußeren Feld kam es durch den Bau des Neckarkanals in den Jahren 1925-30. Durch den Bau der Wasserstraße gingen den Handschuhsheimer Landwirten etwa 40 Hektar Ackerland und Wiesen verloren.

Von den 580 Hektar Acker- und Gartenland, die Handschuhsheim bei der Eingemeindung  1903 einbrachte, sind heute nur noch ca. 200 Hektar übrig.

Wenn sich die Entscheidungsträger der Stadt Heidelberg, die über die Zukunft des Handschuhsheimer Feldes bestimmen, mit der Geschichte vertraut machen würden, kämen sie wie ihre Vorgänger zu der Erkenntnis: Wir brauchen nach wie vor das stadtnahe Handschuhsheimer Gartenland für ein gesichertes und erntefrisches Nahrungsangebot!