Ludwig Haßlinger: Fast vergessene, nicht amtliche Ortsbezeichnungen im Dorf und um das Dorf

Die älteren Handschuhsheimer kennen noch viele der ortsüblichen Bezeichnungen für Gassen, Wege, Plätze usw. im Dorf und um das Dorf. Einige davon sind in Vergessenheit geraten.

„Das Kelterhaus“ Auf dem Gelände Mühltalstaße 18 stand bis zu seiner Zerstörung im Jahre 1674 das Schönauer Kelterhaus. Die dem Kloster Schönau zinspflichtigen Handschuhsheimer Weinbauern mußten hier ihren Weinzehnten abliefern. Die Größe des einstigen Zehnthofes ist an den noch erhaltenen Mauerteilen gut erkennbar.

Der Domhoufplatz, später Bierplatz“ Auf dem Gelände Mühltalstraße 6 und 8 hatte das Domstift Mainz einen Zehnthof. Auch er wurde 1674 zerstört. 1682 kam das Gelände durch Tausch in Besitz der Kurpfalz und nach deren Aufteilung 1803 in den Besitz der großherzoglichen Domänenkammer. Auf dem Gelände des zerstörten Domhofes richteten die Handschuhsheimer [wann?] einen Festplatz ein. Der „Bierplatz“, so nannten ihn die Handschuhsheimeer, wurde erst nach 1827 wieder bebaut.

„Die Sackgaß“ Zugang hinter dem Carl-Rottmann-Saal zum Grahampark [?]. Teil des alten unteren Kirchenwegs. Carl Uhde, der Besitzer des Schlößchens, erwarb 1836 verschiedene Grundstücke und einen Teil des unteren Kirchenwegs für die Anlage eines Parks (später: Grahampark). Vom ehemaligen unteren Kirchenweg sind heute noch die Sackgasse und die Lindengasse erhalten.

„Die Dreckgaß“. So nannte man früher die Untere Kirchgasse. In der Gasse sammelte sich nach Unwettern Schwemmgut, das der offene Mühlbach hier, am tiefsten Punkt des Dorfes, zurückgelassen hatte.

„Die Neigaß“, heute „Zum Steinberg“. Hier am nördlichen Dorfausgang stand einst das Stuhltor. Bürgermeister Johann Rupp war ein erfahrener Soldat. Er ließ die Gasse hinter dem Dorftor verschwenken. Dies war eine von mehreren baulichen Veränderungen, die er im Dorf vornehmen ließ, um die Bevölkerung im Kriegsfalle besser zu schützen.

„Des klone Brunnegässel“ und „des grouße Brunnegässel oder Bachgässel“

Die beiden „Brunnengässel“ waren einst Zugangswege für die Bewohner der Löbingsgasse zum Apfelsbrunnen vor dem Haus Mühltalstraße 86.

Das „klone Brunnegässel“ zwischen den Häusern Mühltalstraße 67 und 69 wurde vor einigen Jahren zugebaut.

Durch das „grouße Brunnegässel“ oder „Bachgässel zwischen den Häusern Mühltalstraße 69 und 70 führt der Weg heute noch vorbei am romantischen Mühlbach in die Löbingsgasse.

„In de Felsen“. Wo die Löbingsgasse endet, beginnt der Fußweg, der zu den Felsen führt. Unter einer dünnen Humusschicht stößt man auf eine Gesteinsformation, die als „Rotliegendes“ bezeichnet wird. Ein Ausspruch der alten Handschuhsheimer: „Wann do growe dusch, kimmsch glei uf die Felse“.

„Der Dorfgrowe“ Bezeichnung für die Friedensstrasse. Vor langer Zeit der alte Bachlauf des Mühlbaches. Der Graben wurde nach 1830 aufgefüllt und danach die später so benannte Friedensstraße angelegt. Durch den Ausbau der Straße hatten die Bauern aus dem Oberdorf einen kürzeren Zufahrtsweg zu ihren Äckern in der nördlichen Feldflur.

„Des Rooloch“ heute: Rolloßweg. Der Name setzt sich zusammen aus den Wörtern (Roo „Rain, Hang“ und Loch „Mulde“). Das Rooloch führte in den „Creutzmannsgarten“, der in einer Mulde hinter den Häusern der Steckelsgasse lag. Weitere Bezeichnungen sind: Rouloch, Rohlochsweg und Rohlochsgassen.

„Der Zimmerplatz“ bei der Hans-Thoma-Straße zwischen Mühlingstraße und Husarenstraße. Der öffentliche Zimmerplatz wurde zuletzt von dem Handschuhsheimer Zimmermeister Jakob Selzer genutzt.

„Der freie Platz“, heute Karl-Kollnig-Platz in der Mühltalstraße, wo die Bergstraße in den Waldweg mündet. Bevor die Bergstraße zur Mühltalstraße durchgebaut werden konnte, mußten die Häuser Waldweg 1 und 4 abgebrochen werden. 1955 wurde das Haus Mühltalstraße 112 abgebrochen. Durch den Abbruch der drei Anwesen entstand der heutige Platz. Waldweg und Mühltalstraße bildeten vor dem Abbruch der Häuser zwei Engstellen. Sie wurden von dem Handschuhsheimer Bürgermeister Johann Rupp aus strategischen Überlegungen angelegt. Hier sollten bei Feindeinfall Barrikaden errichtet werden, um den Dorfbewohnern bei der Flucht in den Wald einen zeitlichen Vorsprung zu ermöglichen.

„Der Schlingelsplatz“ befindet sich dort, wo die Friedenstraße und die Straße „Zum Steinberg“ in die Mühltalstraße münden. Einst abendlicher Treffpunkt der Handschuhsheimer Dorfjugend. Weitere Bezeichnungen waren: „Am Briefkaschde beim Gerlache Eberhard“ oder „Im Mutschler Karl seim Eck“.

„Im Mutschler Karl seim Eck“ An der starken Biegung, wo sich die Mühltalstraße ...[?]..., stand das Anwesen des Metzgermeisters Karl Mutscher. Die Wirtschaftsgebäude des einstigen...[?]...  Das Mühlenanwesen wurde so an der Straße erbaut, daß eine Engstelle entstand. Sie [?] wurden von dem Handschuhsheimer Bürgermeister Johann Rupp aus den selben strategischen Überlegungen angelegt wie [?] am „freien Platz“.

„Die grouß Hohl“ war dort, wo die heutige Straße „Zum Steinberg“ nach Norden steil abfällt und unten an der Einmündung des „Bauchwehbiggeles“ (Gugenmusplatz) endet. Bei der Erweiterung des Friedhofes und Ausbau der Straße „Zum Steinberg“ wurde die Geländeform stark verändert. Die steil abfallende „grouß Hohl“ war im Winter eine beliebte Schlittenbahn.

„Die kloo Hohl“, heute Hilzweg. Sie war nicht so steil wie die benachbarte „grouß Hohl“. Beide mündeten beim Bauchwehhbiggele in den Dossenheimer Weg.

„Des Bauchwehbiggele“ wurde ein Opfer der Friedhoferweiterung. Ein Stück des Biggele ist noch oberhalb des Dallgartenwegs erhalten. Das Bauchwehbiggele war vor allem wegen seiner Podeste eine beliebte Schlittenbahn. Die Abflachungen vor den angrenzenden Grundstückszugängen wurden zum Abstellen der Wagen genutzt und dienten während der Rodelzeit als Sprungschanzen. Die Mädchen fuhren „Hockerles“, die Buben bevorzugten den „Bauchplatscher“. So tat am Abend den Mädchen der Hintern und den Buben der Bauch weh. Nicht nur die Fahrer, auch manche Schlitten blieben bei den Abfahrten von Schäden nicht verschont, einige gingen zu Bruch oder waren nur noch als Brennholz zu gebrauchen.

„Des Jaspersbiggele“ ein steiler Anstieg oberhalb des Luise-Scheppler-Heims in der Mühltalstraße. Das Biggele erhielt seinen Namen von dem Ingenieur Georg Jaspers, der im Jahr 1919 das Haus Mühltalstraße 128 neben diesem Steilstück erbauen ließ.

„Des Biggele beim Mutschler Karl seim Eck“ Den kurzen steilen Anstieg in einer Kurve konnten die vollbeladenen Pferde und Ochsengespanne oft nur mit Vorspann bewältigen. Es fand sich immer ein in der Nähe wohnender Bauer, der seinem Kollegen mit einem Zugtier aushalf. Es war eine gegenseitige Hilfe, da fast jeder im Oberdorf wohnende Bauer ab und zu Vorspannhilfe benötigte. Nach Abbruch des Mutschlerschen Anwesens wurde die Straße verbreitert, die Steigung ausgeglichen und abgeflacht.

„Des Ke-ischebiggele“ Die 1898 angelegte Bahnhofstraße, heute Kriegsstraße, wurde unter Einbeziehung der alten Bäumengasse nur bis Haus Kriegsstraße 29 ausgebaut. Das höher liegende Reststück der alten Bäumengasse bis zur Mühltalstraße wurde nicht erneuert. So entstand, bedingt durch das unterschiedliche Straßenniveau, das „Ke-ischebiggele“. Das Biggele verschwand, nachdem 1957 die Kriegsstraße bis zur Mühltalstraße ausgebaut und das Straßenniveau ausgeglichen wurde.

„Des Silwanerbiggele“ Am oberen Ende der „Schanz“ zweigt ein Weg ab, der zur oberen Darre führt. Der kurze steile Anstieg des abzweigenden Wegs erhielt von den alten Handschuhsheimern den Namen „Silwanerbiggele“. Der Name bezieht sich auf die Rebsorte Silvaner, die in der Zeit des Handschuhsheimer Erwerbsweinbaus viel angebaut wurde

„Die Waldschmied“ am Mönchbergweg, heute Forstwirte- und Gerätehaus des Heidelberger Forstamts, Revier Handschuhsheim. Die Waldschmiede war früher eine notwendige Einrichtung. Hier wurden die für die Waldarbeit benötigten Werkzeuge repariert und geschärft. Solange der Forst eigene Pferde in der Waldarbeit einsetzte, mußten diese beschlagen werden. Die Waldschmiede wurde bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs betrieben.

„Des Waldschützehaus“ Das Gebäude Mühltalstraße 120 war die fünfte der ehemaligen neun Mühlen im Siebenmühlental. Nach Stillegung des Mühlenbetriebs erwarb 1902 die Stadt das Anwesen und richtete darin Wohnungen für Förster und Waldarbeiter ein.

„Der Millioneweg“ Amtliche Bezeichnung „Obere Bahofweg“. Er wurde wie viele unserer Waldwege im Zuge der Notstandsarbeiten ausgebaut. Die Baukosten im Inflationsjahr 1921 stiegen über die Millionengrenze. So kam der Obere Bahofweg zu seinem Namen. Nachdem 1936 der Reichsarbeitsdienst die obere Darre gerodet hatte, wurde der Obere Bahofweg asphaltiert und bergseitig ein Wassergraben mit Wasserentnahmestellen für die unterhalb liegenden Grundstücke angelegt. Der Wassergraben wurde in den 1960er Jahren aufgefüllt und überdeckt.

„Der Basseng“ Der Wasserbehälter hinter der Leitzemühle, Mühltalstraße 91, war kein Mühlenteich. Er wurde 1929 als Nutzwasserbecken für die Bewässerung der Gärtnereien im Feld erbaut. Obwohl er dafür nicht mehr genutzt wird, ist „der Basseng“ ein Hochwasserschutz für die unterhalb wohnenden Handschuhsheimer.[und Nicht-Handschuhsheimer]

„Der Schnappbrunne“ Erhalten ist noch der Brunnenplatz vor dem Haus Mühltalstraße 83. Das Wasser des Schnappbrunnens floß nur, wenn das Auslaufrohr heruntergebogen wurde. Danach schnappte es wieder hoch. Bis zum Bau der zentralen Wasserversorgung 1893 versorgten 13 Dorfbrunnen die Handschuhsheimer Bevölkerung mit Trinkwasser.

„Die Schließ“ vor der Schmiede Thurecht, Mühltalstraße 68. Hier wurde der Mühllkanal zur untersten Mühle mit einem Schieber vom gemeinen Bach abgeleitet. Der Mühlkanal war bis zum Einlaufkandel vor dem Mühlrad mit Sandsteinplatten abgedeckt.